Der Lehrer



"Wahrscheinlich gibt es nicht viele Berufe, an die die Gesellschaft so widersprüchliche Anforderungen stellt:

Gerecht soll er sein, doch taktvoll auf jedes Kind eingehen, Begabungen wecken, pädagogische Erziehungsdefizite der Elternhäuser ausgleichen, Sucht-Prophylaxe und Aids-Aufklärung betreiben, auf jeden Fall den Lehrplan einhalten, wobei hochbegabte Schüler und Schülerinnen gleichermaßen zu berücksichtigen sind wie begriffsstutzige. Mit einem Wort:

Der Lehrer hat die Aufgabe, eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch unwegsames Gelände in nord-südlicher Richtung zu führen, und zwar so, dass alle bei bester Laune und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Orten ankommen."


(Prof. Müller-Limmroht, "Züricher Weltwoche", 02.06.1988)




Montag, 23. Mai 2011

3 Tages-WOWs

Heute haben mich fast alle Klassen total umgehauen. In den ersten beiden Stunden hat die 7. so dermaßen diszpliniert gearbeitet, dass außer gelegentliches Schnaufen, Nasehochziehen und Füßescharren nichts zu hören war und ich völlig entspannt am Lehrertisch saß und mich am Anblick der Fleißigen um mich herum freute. Und das an einem Montag Morgen!!! Und als wir dann Wörtererkennen gespielt haben (Buchstaben durcheinandergewürfelt, aus denen das Wort erkannt werden musste), haben sie sich wirklich wirklich angestrengt und waren mit Eifer bei der Sache. Das war das erste Tages-Wow.

Die nächsten drei Stunden (Sport, 9.) waren dann auch okay, die Schüler haben ganz gut mitgearbeitet, nur wenige Ausfälle, mehr erwarte ich nicht. Aber dann der KNÜLLER: Zwei Stunden Sport mit der 9b, normalerweise der größte Nerv-Faktor am Montag. Nur ein Schüler war sportbefreit wegen einer eckligen Fleischwunde am Arm, mit der er mir schon in der Pause vor dem Gesicht herum gewedelt hatte. Alle anderen Schüler waren mit dabei. Ja, auch die Mädchen! Zweites Tages-Wow. Wir haben mit 100m Lauf angefangen, und obwohl es schon ziemlich warm war und die Sonne ein bißchen geschienen hat, habe ich auf eine vernünftige Erwärmung bestanden, damit sich keiner weh tut und so ("Hä, wieso, is doch warm, da brauchn wir doch nich mehr warmlaufen!"). Aber als Abdul und Ben im 3. Rennen gerade um Platz 1 kämpfen, hält sich Ben auf einmal schreiend sein Bein und stürzt zu Boden. Offensichtlich mit großen Schmerzen hat er sich auf dem Boden gewälzt und konnte das Bein nicht mehr auftreten. In der Leistengegend hatte es "geknallt"!! Schon wieder!!! Ich weiß nicht, was in meinem Sportunterricht los ist. Ich kürz mal ab: Krankenwagen gerufen, Notarzt mit Tatütata auf dem Sportplatz für Action gesorgt, Vermutung der Erstretter: Leistenbruch, Abtransport mit Blaulicht. Das wirklich Verblüffende passiert aber währenddessen: Ich hatte, bevor der Krankenwagen kam, noch die Leistungskontrolle 100m abgeschlossen und schonmal mit dem Weitsprung angefangen. Und während ich mit den Sanitätern sprach, Bens Schultasche besorgte etc. haben die Schüler die Leistungskontrolle Weitsprung weiter durchgeführt. ALLEINE!!! Verrückt, oder?! Das war das dritte und größte Tages-WOW. Ich war total platt und ganz gerührt, als Aygül nach der Stunde verkündete: "Ich hab sie ganz ganz doll lieb, Frau Schmidt!" - jaaa, ich euch auch, liebe Schüler.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen